Translozierung eines Umgebindehauses

Als ich in Magdeburg über die Elbe lief, hielt neben mir ein Auto an. Der Mann, der ausstieg und den ganzen Verkehr aufhielt, fragte mich, ob ich Arbeit suche, denn er sei Architekt und habe gerade eine interessante Baustelle. Na gut, dachte ich und fuhr mit ins Architekturbüro, wo ich das erste Mal von einem Umgebindehaus hörte.Es sollte ein 125 Jahre (1887) altes Haus von Neugersdorf (im Dreiländereck Oberlausitz)
abgebaut und in Buckow (Märkische Schweiz) wieder aufgebaut werden.
Das hörte sich alles sehr spannend an und ich entschied mich, es wieder mit aufzubauen.
Also reiste ich nach Buckow, wo das Fundament und die Innenwände schon neu gemauert wurden. Die Granitsockel, auf denen die Umgebindesäulen später stehen sollen, waren jedoch noch nicht
fertig, weshalb ich die ersten Tage mit dem Schleifen der Blockstube verbringen musste.

 

Die ersten Umgebindehäuser entstanden, der Überlieferung nach, im 14./15. Jahrhundert. Es ist eine aus dem Slavischen und Deutschen entstandene Volksbauweise, die meist auf drei Baustilen besteht. Zum einen die Blockstube, waagrecht übereinanderliegende Holzbalken, die zimmermannsmäßig verbunden sind und vom restlichen Haus entkoppelt werden, der Massivbau, der meist als Stall genutzt wurde und der Fachwerkbau mit dem Umgebinde. Das Fachwerk stellt das Obergeschoss dar. 

Die Last des Daches und des Fachwerkbaus wird auf die Umgebindesäulen, welche auf den Granitsockeln stehen, übertragen. Somit steht die Blockstube frei unter dem Haus. Man vermutet, dass sich die Bauern früher durch das Weben ein Zubrot verdienten. Für das Weben waren die Blockstuben ideal, da ihr konstantes Raumklima ein Verziehen des Webstuhles und ein Schimmeln der Wolle verhinderte. Da die Blockstube vom Rest des Hauses entkoppelt war, konnte man Bauschäden, welche häufig durch die Vibration des Webstuhles verursacht wurden, verhindern.

 Endlich ging es auf der Baustelle an das Aufstellen der Blockstube. Das besondere an diesem Umgebindehaus ist, dass es aus zwei Blockstuben besteht und kein Stallwohnhaus ist. Da der Bauherr keinen Kran zur Verfügung stellte, mussten wir die teilweise 16/30 cm starken und 8 m langen Blockbohlen per Hand aufeinanderwuchten. Zwischen diesen Blockbohlen waren immer, je nach Länge, 2 - 4 Holzzapfen und eine Fremdfeder, die wir erneuerten. Zusätzlich wurde ein Quellband dazwischen gelegt, um die Wand wind- und wasserfest zu machen. Die restlichen Lücken und Ritzen stopften wir mit Hanf aus. Schließlich setzten wir die verzierten Deckenbalken ein und schon standen die Blockstuben. Als wir die Umgebindesäulen und das Fachwerk stellen wollten, ging das Puzzlespiel los, denn vieles wurde beim Abbau des Hauses nicht nummeriert oder beschriftet. So mussten wir uns zusätzlich an den römischen Zahlen (die früher ins Holz geschnitzt wurden) orientieren.  Jetzt wurden die 15 m langen Schwellen und die 8 m langen Fachwerk-Deckenbalken eingebaut, auf denen anschließend der liegende Dachstuhl aufgebaut wurde. Hierzu musste dann zwangsläufig ein Kran her.
Bevor wir den Dachstuhl stellen konnten musste noch eine Aufdopplung von 30 cm gemacht werden, denn der alte Dachraum war in der Höhe zu klein. Da im Fachwerk und im Dachstuhl keine Metallnägel verwendet wurden, stellten wir von Hand noch hunderte Holznägel her und setzten diese in die schon vorgebohrten Löcher ein. Auf das Dach kam eine langgezogene Gaube (Hechtgaube), bei der wir die Sparren erneuern mussten.  Es kam die Zeit des Richtfestes, welches schon das zweite für dieses Haus war und ich durfte den Richtspruch halten. Hiermit war meine Mitarbeit beendet und ich reiste mit vielen interessanten Eindrücken und Erfahrungen aus Buckow ab.
Für die Translozierung dieses Hauses gabe es keine Fördermittel der Denkmalpflege und sie wurde als einmalige Umsetzung erklärt. Die zuständige Behörde für Denkmalpflege hat jedoch den Ab- und Wiederaufbau des alten Umgebindehauses begleitet.


Geschrieben vom Fremden Freiheisbruder Samuel Friedric