Durch die DDR mit dem Fremden Freiheitsbruder Hein Zwiener 1959

Meine Erlebnisse in der Deutschen Demokratischen Republik, dem „etwas anderen Deutschland“

Nach dem Krieg wurde Deutschland von den Alliierten Siegermächten in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Aus dem Zusammenschluss der britischen, der amerikanischen und der französischen Besatzungszone entstand 1949 die Bundesrepublik, die sowjetische Zone wurde kurz darauf zur DDR, viele Jahre im westdeutschen Sprachgebrauch noch „Zone“ genannt.

Ebenso wurde Berlin zur Vier-Sektoren-Stadt. Trotz unterschiedlicher politischer Systeme war die Stadt bis 1961 noch nicht vollständig geteilt. Erst mit dem Bau der Mauer wurde West-Berlin (also die drei Westsektoren) endgültig zur Insel. Lediglich der Flugverkehr unter der Hoheit der Alliierten verlief unkontrolliert. Die Wege zu Lande verliefen über das Territorium der DDR. Erst mit dem Transitabkommen 1972 verzichtete die DDR hier auf Personen- und Warenkontrollen.


Gereist bin ich von April 1956 bis Mai 1960.

Hein Zwiener, einheimischer Freiheitsbruder.


Wenige Wochen nach meiner Erwanderung sind wir zum Kongress nach West-Berlin gepriemt. Wir trudelten am Morgen in der Stadt ein. Da ich noch nicht in so einer großen Stadt war, zog es mich am Nachmittag auf Stadtbesichtigung auf eigene Faust. An jenem Abend machte ich mich auf den Weg zur Bude nach Neukölln. Vom Brandenburger Tor aus wollte ich zurück. Da die S-Bahn aber im Osten der Stadt liegt, brauchte ich auch das entsprechende Geld. Ich sprach einen Kuhkopp an, der mir 50 Pfg. West gegen 50 Pfg. Ost umtauschte. Ein Fahrschein kostete 20 Pfg. Nachdem ich mich schlau gemacht hatte, fuhr ich mit der S-Bahn gen Westen. Dort habe ich dann nach dem Bahnhof Ausschau gehalten, an dem ich umsteigen sollte. Entweder habe ich gepennt oder man gab mir eine falsche Auskunft. Als der Zug dann mal wieder hielt, war ich schon wieder im Osten, oder wie man damals sagte: „in der Zone“. Es kam mir zu Bewusstsein, als der Vopo (Volkspolizist) meinen Ausweis sehen wollte. Da nahm die erste Aufregung ihren Lauf! Ich durfte den Zug mit dem freundlichen Vopo verlassen, nachdem er mir zuerst meinen westdeutschen Ausweis abgenommen hatte. Ab ging’s zum nächstgelegenen Verhörraum. Es war ca. 20:00 Uhr. Das ganze dauerte dann bis zum folgenden Tag, morgens um 6:00 Uhr. Angst konnte er mir Nachts nicht einjagen. Als er mal zur Toilette musste, durfte ich vor ihm gehen, wobei er mir seine Knarre ins Kreuz drückte. Er ließ erst ab, als ich mit ihm wieder im Verhörzimmer saß.



Auch hatte ich das Glück, unseren lieben Bruder Hermann Schäfer in Berlin auf seinem letzten Kongress begrüßen zu dürfen. Er war der als Hauptinitiator Mitbegründer des Fremden Freiheitsschachtes am 1. Mai 1910 in Bern/Schweiz. „Das soll wahr sein“, war sein Leitspruch.
Als der Kongress erfolgreich zu Ende war, machte ich mich mit mehreren Gesellen auf den Weg zurück nach Düsseldorf, meiner Erwanderungsstadt. Um den Weg abzukürzen, gingen wir neben der Autobahn. Zu diesem Zeitpunkt verlief die Autobahn noch ca. 4 km durch den Osten, bevor man zum Kontrollpunkt kam. (Die kurze Strecke wurde später verlegt, sodass man gleich zum Kontrollpunkt fuhr). Wir sind dann nicht weit gekommen, da kamen uns Dreien mir bekannte Uniformen entgegen: „Bitte die Ausweise!“. Nachdem sie die technischen per Feldtelefon Daten durchgegeben hatten, durften wir den Rückzug antreten. In Düsseldorf angekommen, stand für mich fest: Du fährst nie und nimmer mehr nach Berlin. Wie so oft im Leben, heilt die Zeit alle Wunden. Denn so ein fremder Freiheitsbruder lässt sich nicht unterkriegen, denn schon nach gut einem Jahr war ich wieder in West-Berlin. Da machte ich die dritte Begegnung mit den freundlichen Menschen. Unser Weg zur Arbeit führte uns von Neukölln über den Bahnhof Friedrichstraße ins Hansa-Viertel.
An einem schönen Samstag nach Feierabend war der Tag der Eisenbahner (Die S- und Fernbahn im Westen wie im Osten gehörten zum Osten). Die Bahnhöfe waren alle gut geschmückt, mit großen und kleinen Fahnen. Wir bedienten uns jeder mit einer kleinen Fahne zum Schwenken. Am Bahnhof Friedrichstr. (im Osten) stiegen wir in die U-Bahn um. Als wir den Zug verließen, wurden wir von fünf Bekannten mit den Worten „So ein Idiot aus dem Westen hat angerufen, wir müssen Euch mitnehmen“ in Empfang genommen. Die Verhöre im Verhörraum dauerten bis zum Abend um 19:00 Uhr. Wir waren zu fünft, zwei Freiheitsbrüder und drei Kuhköppe. Jeder von uns wurde einzeln verhört. Dann mussten wir uns noch beeilen, um pünktlich zur Bude zu kommen, weil wir ja keinen Knacks bezahlen wollten.
Ein Bewegen innerhalb Ost- oder West-Berlin mit der Bahn oder zu Fuß war ohne Probleme zu bewältigen, was Richtung Westdeutschland nicht der Fall war. Eine zünftige Tippelei von Berlin aus gen Westen war damals nicht möglich, bzw. strengstens verboten. Die kürzeste Transitstrecke führte von Helmstedt (West) / Marienborn (Ost) nach Dreilinden (Ost) / Zehlendorf (West). Nachdem ich in vielen Städten Westdeutschlands und auch im Ausland in der Schweiz und in Spanien ohne Probleme scheniegelt hatte, kam es mir in den Sinn, auch im anderen Deutschland zu arbeiten. Ich hatte von anderen Freiheitsbrüdern erfahren, dass es in Leipzig möglich war. Also schrieben wir nach Leipzig. Der ewige Vogtbursche und Kamerad Otto Eggert war der Ansprechpartner, welcher die Papiere besorgte.
Nach erfolgreicher Zusendung derselben sind wir, Gerd Schön, mein Reisekamerad und ich, Mitte Januar 1959 nach Leipzig gereist. Als wir dort auf der Bude zureisten, war Otto Eggert schon da und hat uns herzlichst begrüßt und zünftig ausgeschenkt. Das Lokal „Zum Grenzgänger“ in der Grenzstr. war über 30 Jahre bis Mitte 1960 die Bude der Freiheitsbrüder.
Gearbeitet haben wir dann bei der PGH (Produktionsgesellschaft des Handwerks) Vorwärts, welche aus der Enteignung der Krauterei des Einheimischen Freiheitsbruders Willi Weiland entstanden war. Als der 1. Mai anstand, bauten wir nach Feierabend noch einen Modell-Dachstuhl, der auf einen Kleinlaster gestellt wurde. Oben auf dem Laster sitzend wurden wir an der Tribüne vorbeigefahren. Als dann den Lohn gab, war kein Kies für die Überstunden dabei. Nach Rücksprache sagte man uns, es seien soziale Aufbaustunden (Diese wurden auf einem Konto gutgeschrieben. Bei einer entsprechenden Zahl bekam man beispielsweise schneller eine Wohnung). Nach mehreren Gesprächen bekam ich meinen Kies. Ich sagte ihnen, dass ich ja wieder in den Westen zurück gehen werde um meine Tippelei dort fortzuführen. Die Aufenthaltsgenehmigungspapiere, die wir bekamen, beschränkten sich auf Leipzig und waren nur vier Wochen gültig. Dann ging es zum Rat des Kreises, welcher die Verlängerung genehmigte, wobei die Genehmigungszeiten immer kürzer wurden.


Nun kam die fixe Idee, am Wochenende die Gesellen in Magdeburg zu besuchen. Auf der entsprechenden Stelle sagte man uns, wenn man in Magdeburg nichts gegen unsere Einreise einzuwenden hätten, würde eine Erweiterung vielleicht genehmigt werden. Wie es dann so ging, trafen wir einen Kuhkopp, der uns versprach, es für uns zu schreiben. Wie besprochen, gingen wir am Samstag ins Neue Rathaus von Leipzig ins Zimmer 113 und bekamen die Erweiterung nach Magdeburg. Das Wiedersehen und die Freude mit den Brüdern wurde zünftig nach Art der Freiheitsbrüder gefeiert.
Im September 1959 stand meine Einheimischmeldung in West-Berlin an. Nach derselben wollte ich mich in Genf (Schweiz) niederlassen – so weit, so gut. Bis mich der Fremde Freiheitsbruder Alfred Wegener schnell überredete, mit ihm in Berlin zu arbeiten. Im Arbeitsamt sagte man mir, ich wäre ja nicht mehr fremd geschrieben. Woher wollten die denn das wissen? Dem Arbeitsamt war ja bekannt, dass wir drei Jahre und einen Tag reisten. Laut deren Unterlagen hätte ich ja im Sommer 1957 schon einmal in West-Berlin gearbeitet. Vom Sommer 1957 bis zum Herbst 1959 waren aber erst zwei Jahre vergangen. Nachdem ich abgewiesen wurde, bin ich zum Vorsteher gegangen. Nach langem Gerede genehmigte er mir noch einmal sechs Wochen. Vor dem Ablauf dieser Frist meinte der Krauter, er kenne alle auf dem Arbeitsamt und wir bekämen noch eine Verlängerung. Am Montag danach begannen wir mit dem Aufstellen eines Dachstuhls, als der Krauter betrübt ankam und meinte, er hätte doch nicht alle gekannt. Andere mussten dann unsere Arbeit beenden. Uns blieb nichts anderes übrig, als auf Tippelei zu gehen. So eine Aufenthalts-, Arbeits- und Währungsbescheinigung berechtigte den Krauter, uns 100% Westgeld zu bezahlen. Ohne desgleichen gäbe es 1/3 West und 2/3 Ost.
In der Berlinzeit habe ich dann noch ein Mädel kennengelernt.
Mit dem Rausschmiss aus West-Berlin war es dann der zweite Schlag! Hatten wir doch die Absicht, noch mal in Leipzig zuzureisen. Von West-Berlin aus haben wir aber keine Einreise nach Leipzig bekommen. Man schrieb uns, dass es für West-Berliner Gesellen keine Aufenthaltsgenehmigung gäbe. Also reisten wir wieder ab.
Als nächstes gingen wir dann in Braunschweig in Gesellschaft. Von dort aus reichten wir wieder einen Antrag auf Einreise ein. Siehe da, es klappte für westdeutsche Gesellen. Wir reisten dann im Januar 1960 mit der Bahn über Berlin in Leipzig zu. Alles andere war mir ja bekannt, bis es mir in den Sinn kam, auch andere Städte in der DDR zu bereisen, in denen sich Einheimische Freiheitsbrüder niedergelassen hatten. Da wir ja auch in der Gewerkschaft waren, gingen wir zu derselben und trugen unser Anliegen vor. Immer wieder bekamen wir die gleiche Antwort: Meldet Euch beim DGB im Frankfurt/Main. Ich habe meine Beiträge zu den Leipziger Zeiten immer beim FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) entrichtet. Auch bekamen wir von denen unsere Reiseunterstützung. Selbst die Handwerkskammern in Leipzig und Ost-Berlin unterstützten uns. In Ost-Berlin hieß sie Handwerkskammer Groß-Berlin.
So begab ich mich in Leipzig zur SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), besuchte den Ersten Vorsitzenden, Genosse Luft, und trug ihm mein Anliegen vor. Er sagte mir dann, von zehn Gesellen die kämen, seien neun Echte. Aber der Zehnte sei ein Spion. Ich sollte doch meinen westdeutschen Ausweis abgeben. Dann bekäme ich einen DDR-Ausweis. Damit könnte ich dann in der DDR reisen. Nachdem ich das ablehnte, war das Gespräch beendet.
Der Fremde Freiheitsbruder Gert Koch erzählte auf der Baustelle, was ihm in der DDR nicht gefiele. Ein so genannter Kollege ermahnte ihn, sonst würde er die Stasi (Geheimdienst des Ministeriums für Staatssicherheit) auf ihn hetzen.
Von meinem ersparten Lohn kaufte ich mir einen Photoapparat. Dazu erhielt ich eine Ausfuhrgenehmigung vom Außenministerium der DDR aus Berlin, der Hauptstadt der DDR. Auf einem DIN A 4 Bogen wurde bescheinigt, dass ich denselben ausführen durfte, denn es war nicht erlaubt, Güter des täglichen Gebrauchs oder Geld der Mark der DDR auszuführen. Bei einer Transitfahrt nach Westdeutschland wollte man im Bus mit 50 Fahrgästen nur einen Photoapparat sehen, denn es mussten vor jeder Fahrt Bargeld und Wertsachen angegeben werden.

Zur Frühjahrsmesse 1960 war auch Nikita Chruschtschow aus der UdSSR nach Leipzig gekommen. Zu seiner Rede kamen mehrere Tausend Zuhörer. Alle kamen „freiwillig“. Wir von der „PGH Vorwärts“ haben es vorgezogen, auf dem Bau zu arbeiten. Allerdings hatten wir die Angst, erwischt zu werden. Man hatte uns angedroht, uns in diesem Falle sofort von der Baustelle zu holen.
Im Mai 1960 reiste ich nach dem Kongress in Hamburg erneut nach West-Berlin, der Liebe wegen. Nach mehreren Anläufen im Rathaus bekam ich dann einen Zuzug, womit ich auch eine Arbeitsgenehmigung bekam. Dieses kehrte sich 1 ½ Jahre später genau um. Nach der Grenzschließung am 13. August 1961 kamen keine Arbeiter mehr aus dem Osten. Es wurden Arbeiter im Westen angeworben. Denen gab man Geld und alle sechs Wochen eine kostenlose Heimfahrt.
Hein Sorgenfrei und ich hatten die Absicht, zur Herbstmesse 1961 nach Leipzig zu fahren. Der FDGB bot sie für 3,- DM-West an, alles inklusive. Wir verbrachten dann die Zeit bei den Gesellen statt zur Messe zu gehen. Am Sonntagvormittag gab es noch einen längeren politischen Vortrag. Außer Lügen war nichts gewesen. Zwischen Buchung und Fahrt lag der 13. August 1961. Die Messe fand im September statt. Mit unseren Papieren durften wir ja noch rüber, was dann nach der totalen Schließung an diesem 13. August nicht mehr möglich war. 
Nach der ersten Öffnung durften nur Verwandte im Osten besucht werden, somit war der Einheimische Freiheitsbruder August Hübner mein Onkel und ich durfte ihn besuchen. Damit die Staatssicherheit auch alles unter Kontrolle hatte, musste man sich bei jedem Besuch im sog. „Hausbuch“, das ein staatstreuer Hausbewohner führte, eintragen. Bei allen Besuchen musste man sich beim zuständigen Volkspolizeirevier anmelden und vor der Abreise auch wieder abmelden.
Anfang der 60er Jahre: Der junge Einheimische Freiheitsbruder Hans Lange, von Beruf Dachdecker. Er, der sein Handwerk versteht, wollte als junger Einheimischer in Leipzig seine Meisterprüfung machen und die Krauterei seines Krauters übernehmen. Da er nicht gewillt war, in die SED einzutreten, war ihm dieser Weg versperrt.
Von 1960 bis 1989 hatten wir unsere Bude dann in Leipzig im „Krug zum grünen Kranze“ in der Merseburger Str. Dort trafen wir uns dann immer zur Frühjahrs- und Herbstmesse zünftig mit den Gesellen aus Ost und West. Wobei wir den Ost-Gesellen auch immer etwas mitbrachten, was es im Arbeiter- und Bauernstaat nicht gab: Genussmittel und „harte“ D-Mark die „zweite Währung“ der DDR. Haben damit wie es ging die Gesellen ausgeschenkt.
Der Wunsch nach Westwaren aus dem Intershop wurde immer größer. Um den Geldhandel besser kontrollieren zu können, mussten die Ostdeutschen Ihr Westgeld in sog. Forumschecks („Monopoly-Geld“) eintauschen. Nur damit konnte im Intershop eingekauft werden. Waren gegen Westgeld gab es dort nur für Westdeutsche.
Neben den Intershops gab es auch noch die Exquisit-Läden. Hier konnte man auch die eine oder andere Westware erstehen, allerdings zu Preisen, die für manchen DDR-Bürger unerschwinglich waren.

Das Angebot im Intershop oder Exquisit war wesentlich vielfältiger, als in den staatlichen HO- oder Konsumgeschäften, wo die staatliche Mangelwirtschaft besonders deutlich war. Wer genug Ostgeld hatte, tauschte dieses oft im Verhältnis von bis zu 1:10 in Westgeld. Im Osten ging so etwas nur „unter der Hand“, in Westberlin konnte Ost- gegen Westgeld in zahlreichen Wechselstuben getauscht werden. Allerdings war eine Ein- oder Ausfuhr von Ostgeld streng verboten und wurde hart bestraft. Sein restliches Ostgeld konnte man bei der Ausreise in Sammelbüchsen des „Deutschen Roten Kreuzes der DDR“ einwerfen.
Durch den günstigen Umtausch des Geldes musste man beim Einkaufen im Osten unaufgefordert seinen Ausweis vorzeigen. Denn man hatte Angst, es würde zu viel von Westlern eingekauft. Denn sie hatten schon genug Schwierigkeiten, den eigenen Bedarf herzustellen.
Gut dran waren DDR-Bürger, die „Gönner“ im Westen hatten. Über die staatlich kontrollierte Firma GENEX konnten –wie im Quelle-Katalog- Waren ausgewählt und in West-Mark bezahlt werden. Die Auslieferung erfolgte dann in die DDR. Auf diese Weise konnte man beispielsweise sofort einen PKW der heimischen Marken Trabant oder Wartburg erhalten, auf die man normalerweise zehn oder mehr Jahre warten musste.
Noch etwas aus dem Jahr 1962 für meine Rentenzeiten: Ich ließ in Leipzig meine Beiträge zur Rentenversicherung auf meine Versicherungskarte eintragen. Als ich diese umtauschen wollte, sagte man mir, dass man das in Leipzig nicht gedurft hätte. Die Karte wurde nicht umgetauscht. In der Landesversicherungsanstalt saß ein weiser Mann. Ich bekam eine gesondert Abschrift, weil er meinte, wer weiß, wie es noch einmal kommt. Er sollte Recht behalten. Man hat mir meine Zeiten inzwischen angerechnet.

Eine Transittippelei durch Ost-Berlin war nicht möglich. In den Zeiten der Hochkonjunktur in der 70er Jahren hatten wir kaum Fremde, die auf Tippelei gingen. Also machten wir jungen Einheimischen uns auf Werbetour, zogen unsere Kluft an und wollten nach zur Bude nach Neukölln tippeln. Der kürzeste Weg war durch Ost-Berlin. Auch waren wir gewillt, 25,- DM pro Geselle 1:1 in Ost-Mark umzutauschen. Eine Durchreise war nicht möglich, es musste wieder der gleiche Grenzübergang zur Ausreise genutzt werden, durch den man eingereist war. Also mussten wir um Ost-Berlin herum zur Bude nach Neukölln tippeln.
Mein schlimmstes Erlebnis hatte ich dann im Jahr 1978. Die beiden Fremden Hein Nitsch und Peter Krahe wollten sich in Magdeburg einheimisch melden. An der Grenze wurde mein Charlottenburger durchleuchtet. In demselben befanden sich Waren für die Gesellen, ein Buch von Willi Gödicke und die Unterlagen der beiden Fremden für ihre Einheimischmeldung. Dann begann das große Flattern. Meine Nerven lagen blank. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Nach langer Zeit bekam ich alles wieder und mir fiel ein Stein vom Herzen. Danach sind wir immer wieder zu unseren Gesellen gefahren, denn die durften ja nicht zu uns. Auch mussten wir pro Tag 25,- DM im Verhältnis 1:1 in Ostmark umtauschen.
Als wir zu Besuch bei einem Einheimischen in Rostock waren, wollten wir vom Ostgeld Schlittschuhe kaufen, Wir hatten aber nur 50,- Ostmark, die Schlittschuhe sollten jedoch 51,- kosten. Man wollte oder durfte kein Westgeld annehmen: „Gehen Sie bitte zur Bank und tauschen Sie“. Nach langer Zeit des Beobachtens durften wir kaufen.


Zur Beerdigung unseres Bruders Hübner beantragte ich einen Passierschein. Die Beerdigung fand am frühen Morgen statt. Da der Einheimische Gert Mettjes aus Hamburg anreiste, waren wir schon vor 7:00 Uhr an der Grenze. Westdeutsche bekamen die Passierscheine an der Grenze. Leider durfte er aber erst um 7:00 einreisen. Also habe ich mit ihm so lange gewartet.

In den 80iger Jahren feierte der Einheimische Amandus Pape in Dessau Goldene Hochzeit. Ich wusste, dass auch der Einheimische Kurt Meier aus Saßnitz (Rügen) mitfeiern würde. Also reichte ich für Dessau und Saßnitz einen Passierschein ein. Summa summarum für fünf Tage. Pro Tag musste ich 25,- DM im Verhältnis1:1 umtauschen. Nach der Feier fuhren wir gen Saßnitz. Abends angekommen, wollten wir essen gehen. Weit und breit kein Restaurant zu sehen. Also ab ins Interhotel. Wir bekamen folgende Auskunft: „Wenn unsere Gäste satt sind und noch etwas übrig ist, können Sie noch einmal nachfragen.“ Ich habe denen ja nicht gesagt, dass ich Westgeld habe, womit mir alle Türen offen gestanden hätten. Das habe ich lieber den Gesellen gegeben, da war es besser aufgehoben. Zurück mit leerem Magen ging Gretchen in der Nachbarschaft Essen und Trinken – soweit vorhanden – für uns zu holen
Nach dem totalen Reiseverbot in den Westen durften dann später nur die Rentner zu Besuch in den Westen reisen. Kurz nach der Wende 1989 besuchte ich noch einmal den Einheimischen Freiheitsbruder Kurt Maier auf der Insel Rügen in Saßnitz. Der Hafen war zu DDR-Zeiten eine gut gesicherte Staatsgrenze. Da Kurt jahrelang zur See gefahren ist, durfte er ja in den Hafen, was seinem Sohn nicht erlaubt wurde. Er hatte sein Haus oberhalb des Hafens mit sehr gutem Überblick. Als der Sohn bei den Eltern zu Besuch war – er war inzwischen ein junger Mann von Anfang 30 -, musste er weinen. Denn sein Kinderwunsch war in Erfüllung gegangen und er konnte in den Hafen gehen.

Niedergeschrieben im Sommer 2008 in Berlin
Hein Zwiener, Einheimischer Freiheitsbruder


ANHANG: Parolen aus der ehemaligen DDR:
Allzeit bereit – immer bereit !
Wir müssen von einem Ich zu einem Wir übergehen
Es geht alles seinen sozialistischen Gang – immer langsam
Wir kämpfen für den Sieg des Sozialismus
Jeder Mann an jedem Ort – Jede Woche einmal Sport (Walter Ulbricht)
ARD: Außer Rügen und Dresden (dort war Westfernsehen nicht zu empfangen)
Nur noch wenige Jahre, dann haben wir den Westen überholt
Pleitegeier (Bezeichnung für den westdeutschen Bundesadler)
„Schlusengeld“ oder „Alu-Chips“ als Bezeichnung für Ost-Geld^